Das Reich des Generals

Das Reich des Generals

In einem Königreich, das von Unwissenheit, Armut und Krankheit heimgesucht wurde, stürzte der General der Armee den König, verbannte ihn aus dem Land und krönte sich selbst zum neuen Herrscher.

Am Morgen nach seinem Sieg erwachte der General mit einem bitteren Erwachen.

Er wusste nicht, wie man ein Königreich regiert. Sein Leben hatte er auf Schlachtfeldern verbracht, kämpfend unter dem Banner des Reiches, doch niemals hatte er den Thron bestiegen oder absolute Macht über das Volk ausgeübt.

Und doch, er schmeckte die Süße dieser Macht, verliebte sich in sie, und konnte nicht ertragen, sie wieder abzugeben, auch wenn er wusste, dass es fähigere Hände als die seinen gab.

So beschloss er, sich an den ehemaligen Minister zu wenden, einen Mann mit Erfahrung in der Staatsführung und einst enger Vertrauter des gestürzten Königs.

Als der Minister den Thronsaal betrat, erhob sich der General. Mit harter, einschüchternder Stimme sprach er, nicht nur um Misstrauen zu vermeiden, sondern auch um seine eigene Unsicherheit hinter einem Schleier aus Selbstbewusstsein und Autorität zu verbergen:

„Höhre, Minister. Nach unserem Sieg über den korrupten König, unter dessen Herrschaft nur Unwissen, Armut und Demütigung blühten, beginnt nun ein neues Kapitel. Eine Ära der Liebe, des Glücks und des Wohlstands.“

„Eine weise Entscheidung, Majestät“, erwiderte der Minister höflich. „Erlaubt mir, Eure Vision zu erfragen – welchen Weg weist Ihr uns?“

Für einen Moment tanzte der General innerlich im Takt des Lobes, doch dann überkam ihn Unruhe, weil er keine wirkliche Vision hatte. Doch der Klang des Titels König genügte, um Stolz und Selbstsicherheit zurückzubringen:

„Ich will, dass in meinem Reich keinen Unwissenden mehr geben. Jeder soll höchste Ausbildung erreichen. Und dann sollst du für Arbeit sorgen, die Wirtschaft stärken. Errichte Universitäten, Fabriken, Theater, Kulturzentren – gib all diesen Gebildeten einen Platz!“

„Zu Befehl, Majestät. Ich werde das sofort erledigen.“

Da fuhr der König auf: „Pläne macht nur einer in diesem Reich, und das bin ich! Ich träume, entwerfe, gestalte und Ihr führt nur aus!“

„Verzeiht, Majestät“, sagte der Minister demütig. „Ich wollte lediglich wissen, wie viel Zeit Ihr diesem Plan gebt – fünf Jahre? Zehn?“

„Du bekommst ein Jahr. Kein Wort mehr über Zeit und Unsinn!“

Ein Jahr verging. Der König nahm den Minister mit auf eine Reise durchs Reich.

Er war beeindruckt: Universitäten, Fabriken, Kliniken, Theater – aus dem Boden geschossen wie aus Zauberhand. Das Volk jubelte ihm zu, warf Blumen auf seine Karosse, sang Loblieder.

Doch dann trat er in diese Gebäude und fand Chaos.

Die Architekten mischten Mörtel, Bauarbeiter saßen an Schreibtischen. Tischler arbeiteten mit Metall, Schmiede pflügten Felder. Ärzte schnitten Haare, Friseure servierten in Restaurants. Anwälte und Richter saßen in Gefängnissen, während Verbrecher zu Predigern wurden. Und Polizisten tanzten im Theater.

Niemand war an seinem Platz.

Der König runzelte die Stirn und wandte sich an den Minister:

„Merkwürdig… Du hast Bauwerke errichtet, Bildung gefördert, dem Handwerk Aufmerksamkeit geschenkt, aber warum steht niemand an seinem rechten Ort?“

Der Minister verneigte sich leicht, lächelte sanft und sprach mit ruhiger Stimme:

„Wäre jeder am rechten Platz, Majestät – saßen Sie nicht einen Tag länger auf Eurem Thron.“

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