Heute erzähle ich euch die Geschichte eines Mannes namens Waheed (Bedeutet Allein).
Waheed hatte einen einzigen Wunsch, den er sich seit Langem sehnlichst erfüllte: Allein zu leben – abgeschieden von den Menschen um ihn herum. Früher war er ein geselliger Mensch gewesen, lebte mitten unter anderen, teilte mit ihnen das Spiel aus Rechten und Pflichten, und war nur dann mit sich allein, wenn er sich für ein paar Minuten ins stille Örtchen zurückzog.
Doch eines Tages ging dieser Wunsch in Erfüllung wie vom Schicksal diktiert.
Plötzlich waren alle Menschen um ihn herum verschwunden, und Waheed blieb allein zurück.Er ging allein durch die Stadt, betrat allein das Café,
lud sich selbst auf eine Tasse Kaffee ein – und bezahlte für sich.Dann kehrte er allein in sein Zuhause zurück,
kochte, putzte, wusch – alles für sich selbst.
Er hörte seine Lieblingsmusik, schaute seinen liebsten Film – allein.
Und abends schlief er allein ein. Selbst im Traum erschien niemand – alle Szenen erlebte er nur mit sich.
Seine Einsamkeit brachte ihn zum Nachdenken, auf andere, tiefere Weise.
Sie ließ ihn die Welt klarer sehen, half ihm, viele Zusammenhänge zu verstehen.
Und doch gab es Dinge, die er in seiner Einsamkeit nicht begreifen konnte:
Warum er zum Beispiel
die Schlafzimmertür schloss, um in Ruhe zu schlafen – obwohl niemand da war.
Warum er beim Duschen die Tür verriegelte – aus Scham vor niemandem.
Manchmal zog er sich still in eine Ecke zurück, ohne zu wissen, vor wem eigentlich.
Und das Absurde: Er ging spazieren im Wald – um dort allein zu sein.
Er hatte nie gedacht, dass sein Wunsch so kompromisslos in Erfüllung gehen würde.
Er hatte nicht damit gerechnet, dass wirklich niemand zurückbleiben würde.
Und als er zurück wollte, hielt ihn etwas auf.
Denn der Weg der Einsamkeit ist wie eine Einbahnstraße –
je weiter man geht, desto schwieriger wird die Umkehr.
Bis sie schließlich unmöglich wird.
Waheed lebte nicht allein, weil er es genoss, sondern weil die Einsamkeit ihm die Sprache der Menschen abtrainierte.
Er verlernte das Lachen, denn selbst wenn ihn etwas amüsierte, reichte es nur für ein schwaches Lächeln.
Und wenn er weinte, dann leise, ohne Wehklagen, ohne Zuhörer.
Denn da war ja niemand.
Die Freude anderer bedeutete ihm nichts, genauso wenig wie ihre Feste.
Auch ihre Trauer ließ ihn unberührt, nicht aus Härte, sondern, weil seine Emotionen nicht mehr die anderer waren.
Was ihn berührte, rührte andere nicht, und umgekehrt.
Einsamkeit raubt dem Menschen alle gesellschaftlichen Rollen, bis nur noch die eigene, wahre Identität übrig bleibt.
Waheed hatte keine Familie, deren Kämpfe ihn beschäftigten.
Er gehörte keinem Land, mit dem er sich verbunden fühlte, sein einziges Vaterland war der Boden unter seinen Füßen. Und, weil niemand dort stand, wo er stand,
gab es auch keine gemeinsame Heimat.
Er betrat keine Tempel. Er begegnete dem Herrn, auf seine eigene Weise.
Er trat keiner Partei bei – er war ein unbequemer Genosse,
denn er widersprach sich selbst.
Das alles bedeutete nicht, dass er nie mit Menschen zu tun hatte,
doch selbst dann war er allein.
Ihr Dasein änderte nichts an seinem Alleinsein.
Man hätte ihn inmitten einer Million Menschen stellen können, Waheed wäre allein geblieben.
Er hörte nur noch seine eigene Stimme.
Nach vielen Jahren des Zusammenlebens mit der Einsamkeit
konnte er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.
Denn eines hatte er begriffen:
Alle Menschen verlassen uns eines Tages.
Jede Verbindung ist vergänglich.
Nur mit sich selbst bleibt man ewig vereint.
Diese Verbindung war ehrlich.
Sie ließ ihn nie im Stich, selbst wenn er unfreundlich zu ihr war.
Sie begleitete ihn durch süße und bittere Stunden.
Warum also aufgeben für irgendjemanden?
Die Tage vergingen, und Waheed schloss Frieden mit seiner Einsamkeit.
Er brauchte niemanden mehr. Er konnte alles allein tun.
Alles – bis auf eines.
Dieses Eine kam jeden Abend, als stummer Gast.
Es nahm ihm die Einsamkeit und ließ auf seinen Lippen den bitteren Geschmack des Verlangens zurück.
Einen brennenden, schmerzhaften Geschmack.
Dann wünschte sich Waheed, sein Wunsch hätte sich nie erfüllt.
Dann betete er, er möge rückgängig gemacht werden.
Denn jeden Abend, wenn die Nacht hereinbrach, legte er sich allein ins Bett.
Er umarmte seine weichen Kissen – allein.
Und erinnerte sich dann: Man kann sich nicht selbst küssen.